{"id":3833,"date":"2025-08-29T11:30:27","date_gmt":"2025-08-29T09:30:27","guid":{"rendered":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/?p=3833"},"modified":"2025-10-01T15:52:24","modified_gmt":"2025-10-01T13:52:24","slug":"mdr-aktuell-interview-wohnen-nicht-als-ware-sondern-als-teil-der-daseinsvorsorge-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/en\/journal\/mdr-aktuell-interview-wohnen-nicht-als-ware-sondern-als-teil-der-daseinsvorsorge-denken\/","title":{"rendered":"MDR AKTUELL Interview: &#8220;Wohnen nicht als Ware, sondern als Teil der Daseinsvorsorge denken&#8221;"},"content":{"rendered":"\n<p>Wohnungsnot trifft nicht alle gleich. Feministische Perspektiven zeigen, warum. Im Interview erkl\u00e4rt Stadt- und Wohnungsforscherin Tabea Latocha, wie strukturelle Ungleichheiten den Zugang zu Wohnraum erschweren und warum der Markt oft versagt. Feministische Ans\u00e4tze fordern: Wohnen muss als Teil der Daseinsvorsorge gedacht werden \u2013 nicht als Ware. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Sorgearbeit, Einkommensl\u00fccken und die Frage, wie gerechte Stadt- und Wohnraumplanung gelingen kann.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1472\" height=\"552\" src=\"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/Wohnen-als-Ware_.avif\" alt=\"\" class=\"wp-image-3834\" srcset=\"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/Wohnen-als-Ware_.avif 1472w, https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/Wohnen-als-Ware_-480x180.avif 480w, https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/Wohnen-als-Ware_-640x240.avif 640w, https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/Wohnen-als-Ware_-720x270.avif 720w, https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/Wohnen-als-Ware_-960x360.avif 960w, https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/Wohnen-als-Ware_-1168x438.avif 1168w, https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/Wohnen-als-Ware_-1440x540.avif 1440w\" sizes=\"auto, (max-width: 1472px) 100vw, 1472px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Bildrechte: picture alliance\/dpa | Monika Skolimowska<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">MDR AKTUELL: Sie forschen zu feministischen Perspektiven auf das Wohnen und haben dazu Ihre Doktorarbeit geschrieben. Was ist denn die Verbindung zwischen Feminismus und Wohnen?<\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Tabea Latocha:<\/strong>&nbsp;Also erst einmal sind Wohnungsprobleme keine neutralen Probleme, sie treffen unterschiedliche Menschen ganz unterschiedlich. Die Wohnungskrise, k\u00f6nnte man sagen, ist keine neutrale Krise und wenn man sich die Datenlage anschaut, betrifft eben Wohnungsnot vor allem bestimmte Gruppen, n\u00e4mlich alleinerziehende M\u00fctter, \u00e4ltere Frauen, FLINTA*, also vor allem Frauen, Lesben, Intersektionale, Nicht-Bin\u00e4re und Transpersonen und auch Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus oder chronischen Erkrankungen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie ist denn generell der Zugang von Frauen zu bezahlbarem Wohnraum in Deutschland?\u00a0<\/h2>\n\n\n\n<p>Die meisten Wohnungen in Deutschland werden a \u00fcber den Markt vermittelt. Das hei\u00dft, der Zugang zu Wohnraum ist abh\u00e4ngig von \u00f6konomischen Ressourcen, au\u00dfer man hat vielleicht einen Wohnberechtigungsschein, also Anspruch auf eine \u00f6ffentlich gef\u00f6rderte Sozialwohnung. Bei der Vergabe von Wohnraum wird jetzt erst mal nicht direkt nach Geschlecht unterschieden. Aber durch den Gender Pay Gap, durch unterschiedliche Voraussetzungen, vielleicht auch Kinderversorgung oder keine feste Arbeit, gibt es da schon eine Diskriminierung entlang von Geschlechterkategorien. Gerade alleinerziehende M\u00fctter mit Kind haben gro\u00dfe Probleme, auf angespannten M\u00e4rkten eine Wohnung zu finden. H\u00e4ufig wird ja auch in den Bewerbungen schon unterschieden nach Doppelverdiener-Paaren. Die haben auf jeden Fall eine bessere Voraussetzung, eine Wohnung zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Es gibt dieses gro\u00dfe Schlagwort &#8220;feministische Wohnungspolitik&#8221;. Was k\u00f6nnen wir uns darunter genau vorstellen?\u00a0<\/h2>\n\n\n\n<p>Feministische Wohnungspolitik ist kein einheitlicher Ansatz, sondern eher eine bestimmte Sichtweise auf die Probleme, die es aktuell am Wohnungsmarkt gibt. Davon ausgehend entwirft sie einen Ma\u00dfnahmenkatalog und bestimmte Ideen, wie man diesen Problemen begegnen kann. Grunds\u00e4tzlich gesprochen r\u00fcckt eine feministische Sicht auf die Wohnungskrise die soziale Ungleichheit beim Zugang zu Wohnraum in den Fokus, insbesondere entlang von Strukturkategorien wie Geschlecht, Rassismus, Care-Verantwortung, Einkommen oder auch Behinderung. Ausgehend davon pl\u00e4diert sie daf\u00fcr, dass der Markt vielleicht nicht der beste Mechanismus ist, um Wohnraum gerecht zu verteilen, weil eben Einkommen gesellschaftlich ungleich verteilt ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie kann denn dieser feministische Blick helfen, die Dinge in der Realit\u00e4t vielleicht zu ver\u00e4ndern?<\/h2>\n\n\n\n<p>Eine feministische Sicht auf Wohnungsprobleme ist gar nicht neu. In den letzten Jahren, vor allem seit der Corona-Krise, als vielen bewusst wurde, dass die Wohnung auch noch ganz viele andere Funktionen hat als nur Schlafen und ein Dach \u00fcber dem Kopf, haben diese Ans\u00e4tze einen Aufwind erfahren. Aber eigentlich machen sich schon seit der Jahrhundertwende feministische Theoretikerinnen, aber auch Architektinnen und Praktikerinnen Gedanken dar\u00fcber, wie man Wohnen anders als vermeintliche Privatangelegenheit der Kleinfamilie organisieren kann. In den 1970er-Jahren wurden die Konzepte dann wieder aufgegriffen. Ein paar Ans\u00e4tze, die da ganz wesentlich sind: Wie bekommt man Zugang zu Wohnraum? Da gibt es nat\u00fcrlich Nischenmodelle wie Genossenschaften. Aber es gibt auch die Idee, Solidarmodelle st\u00e4rker zu verankern, sozialen Wohnraum auszuweiten und breiter zug\u00e4nglich zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>&#8220;Es ist ja gerade die St\u00e4rke von feministischen Ans\u00e4tzen, dass sie eben nicht vereinheitlichen,sondern Diversit\u00e4t in den Entw\u00fcrfen mitdenken.&#8221;<\/em> Tabea Latocha&nbsp;Bauhaus-Universit\u00e4t Weimar<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem gibt es r\u00e4umliche Ans\u00e4tze, wie man Wohnraum gestalten kann, denn die Bed\u00fcrfnisse sind ja sehr viel vielf\u00e4ltiger als nur 3-Zimmer, K\u00fcche, Diele, Bad. Es br\u00e4uchte viel flexiblere Grundrisse. Die Familienstrukturen sind diverser geworden, Menschen werden auch \u00e4lter in ihren Wohnungen, die Kinder ziehen aus. Grundrisse sollten mitaltern und angepasst werden k\u00f6nnen. Und man m\u00fcsste vor allem mehr Gemeinschaftsr\u00e4ume integrieren. Das geht nat\u00fcrlich nicht \u00fcberall und ist auch nicht in jedem Fall die L\u00f6sung aller Probleme. Aber das sind Ans\u00e4tze, die in st\u00e4dtischen Kontexten, in gr\u00f6\u00dferen Wohnsiedlungen versucht werden k\u00f6nnen. Zentral ist auch die Integration von sozialer Infrastruktur. Dass wohnortnah so etwas wie eine Kita verf\u00fcgbar ist, also der breitere Quartierskontext noch mitgedacht wird beim Thema Wohnen. Das ist ein zentrales Anliegen feministischer Ans\u00e4tze.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was sind denn die Wohnbed\u00fcrfnisse, vor allem von Frauen heute? Wie sieht das Wohnen idealerweise aus? Kann man da Kategorien nennen oder sagen, wie der Grundriss aussieht?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Es ist schwierig, einheitliche Bed\u00fcrfnisse zu formulieren. Es ist ja gerade die St\u00e4rke von feministischen Ans\u00e4tzen, dass sie eben nicht vereinheitlichen, sondern Diversit\u00e4t in den Entw\u00fcrfen mitdenken. Trotzdem gibt es da ein paar Punkte. Frauen brauchen vor allem bezahlbaren und langfristig sicheren Wohnraum, auch wenn vielleicht mal das Gehalt wegf\u00e4llt, weil man Kinder hat, weil man Menschen pflegt. Wichtig ist gut erreichbarer und vernetzter Wohnraum. Vernetzt mit Versorgungsinfrastrukturen, mit Einkaufsinfrastrukturen, \u00e4rztlichen Strukturen, Kitas, Schulen. Man muss beim Wohnen die Alltagslogistik mitdenken, die ja viel an Frauen h\u00e4ngen bleibt, etwa in Form von Care-Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie blicken Sie auf den aktuellen Wohnungsbau? Werden diese Aspekte da ausreichend ber\u00fccksichtigt oder wird da immer noch f\u00fcr die traditionelle Familienkonstellation gebaut?<\/h2>\n\n\n\n<p>Definitiv leider Letzteres. Was wir sehr viel h\u00e4ufiger sehen am Markt, sind diese Standard-Familienmodelle. Man muss nat\u00fcrlich dazu sagen, dass tats\u00e4chlich viele Menschen so leben m\u00f6chten. Die Krux ist dabei, dass das aber meistens nur f\u00fcr eine bestimmte Lebensperiode sinnvoll ist und auch nicht f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen gut funktioniert. Durch diese Planung f\u00fcr die &#8216;klassische&#8217; Kleinfamilie werden andere Lebensrealit\u00e4ten ausgeschlossen. Das ist schade. Es gibt aber auch Beispiele, wie man es anders machen kann. Und ich denke, wenn wir vor dem Hintergrund des fortschreitenden Klimawandels die Zukunft des Bauens im Bestand sehen, besteht da schon die M\u00f6glichkeit, an bestehenden Grundrissen \u00c4nderungen vorzunehmen, die dann vielleicht mehr Flexibilit\u00e4t zulassen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Angenommen, es wird k\u00fcnftig inklusiver, gemeinschaftlicher, flexibler gebaut \u2013 werden dann nicht traditionelle Familienkonstellationen benachteiligt?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Nein, auf gar keinen Fall. Feministische Wohnungspolitik oder feministischer Wohnungsbau schlie\u00dfen auf jeden Fall niemanden aus, sondern \u00f6ffnen eher den Raum f\u00fcr Vielfalt. Das bedeutet, sie richten sich \u00fcberhaupt nicht gegen traditionelle Familienmodelle. Es geht eigentlich darum, allen Menschen ein Recht auf angemessenes, sicheres und leistbares Wohnen zu erm\u00f6glichen. Das ist die Idee dahinter und das k\u00f6nnte eben unter anderem durch flexiblere, neutrale Grundrisse erm\u00f6glicht werden. Denn auch dort k\u00f6nnen nat\u00fcrlich Kleinfamilien mit Mutter, Vater, Kind wunderbar leben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wenn wir jetzt auf den gro\u00dfen Fl\u00e4chendruck in den gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten und Metropolregionen schauen, kann dann dieser Ansatz auch eine L\u00f6sung f\u00fcr die Wohnungskrise sein?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Auf jeden Fall kann er ein Teil der L\u00f6sung sein. Feministische Wohnungspolitik ist kein Allheilmittel. Wir m\u00fcssen an vielen Str\u00e4ngen ziehen, um die Krise zu l\u00f6sen. Die Probleme gestalten sich unterschiedlich, ob wir jetzt in den l\u00e4ndlichen Raum schauen oder in die Gro\u00dfst\u00e4dte, ob wir auf Geschosswohnungsbau schauen, der institutionell vermietet ist, oder im Privatbesitz befindliche selbst genutzte Wohnungen. Da gibt es unterschiedliche Eigentumsstrukturen, unterschiedliche Preisentwicklungen, unterschiedliche bauliche und r\u00e4umliche Strukturen und die m\u00fcssen alle mitgedacht werden. Feministische Wohnungspolitik versucht, das Problem an der Wurzel zu packen. Eine Grundforderung&nbsp;aus feministischer Sicht ist, Wohnen nicht als Ware, sondern als Teil der Daseinsvorsorge zu denken und dementsprechend auch die Politik daran auszurichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Das Interview f\u00fchrte Carolin Voigt, ver\u00f6ffentlicht am 14. August 2025 um 11:03 Uhr unter <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/deutschland\/gesellschaft\/interview-wohnen-feminismus-latocha-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/deutschland\/gesellschaft\/interview-wohnen-feminismus-latocha-100.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wohnungsnot trifft nicht alle gleich. 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