{"id":3839,"date":"2025-08-29T12:00:09","date_gmt":"2025-08-29T10:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/?p=3839"},"modified":"2025-10-01T17:12:41","modified_gmt":"2025-10-01T15:12:41","slug":"beste-wuensche-zum-100sten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/en\/journal\/beste-wuensche-zum-100sten\/","title":{"rendered":"Beste W\u00fcnsche zum 100sten!"},"content":{"rendered":"\n<p>Zwar sind die Bauten der Berliner Welterbe-Siedlungen gesch\u00fctzt, doch ihre weitreichende Privatisierung konterkariert das Erbe der modernen Wohnreformbewegung.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1960\" height=\"1304\" src=\"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/lehrforschungsprojekt-whose-architecture-whose-city-btu-cottbus.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-3956\" srcset=\"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/lehrforschungsprojekt-whose-architecture-whose-city-btu-cottbus.webp 1960w, https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/lehrforschungsprojekt-whose-architecture-whose-city-btu-cottbus-480x319.webp 480w, https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/lehrforschungsprojekt-whose-architecture-whose-city-btu-cottbus-640x426.webp 640w, https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/lehrforschungsprojekt-whose-architecture-whose-city-btu-cottbus-720x479.webp 720w, https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/lehrforschungsprojekt-whose-architecture-whose-city-btu-cottbus-960x639.webp 960w, https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/lehrforschungsprojekt-whose-architecture-whose-city-btu-cottbus-1168x777.webp 1168w, https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/lehrforschungsprojekt-whose-architecture-whose-city-btu-cottbus-1440x958.webp 1440w, https:\/\/gewohnter-wandel.de\/wp-content\/uploads\/lehrforschungsprojekt-whose-architecture-whose-city-btu-cottbus-1920x1277.webp 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1960px) 100vw, 1960px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Hellgelb: Kommunal und genossenschaftlich errichtete Welterbe-Siedlungen der Berliner Moderne, heute privatisiert. Schwarz: Noch heute kommunal oder genossenschaftlich bewirtschaftete Welterbe-Siedlungen (Gartenstadt Falkenberg und Siedlung Schillerpark). Abb.: Die Collage entstand im Rahmen des Lehrforschungsprojekts \u201eWhose Architecture? Whose City?\u201c an der BTU Cottbus.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-left\">100&nbsp;Jahre Berliner Siedlungen der Moderne<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Hufeisensiedlung in Britz, 1925 bis 1930 nach Pl\u00e4nen von Bruno Taut und Martin Wagner erbaut, feiert in diesem wohnungskrisengebeutelten Sommer ihr Jubil\u00e4um. Zusammen mit f\u00fcnf weiteren Siedlungen wurde sie 2008 in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen \u2013 als Repr\u00e4sentanten der sozialpolitischen Wohnreformbewegung zur Bew\u00e4ltigung einer historischen Wohnungskrise. Parallel zum Nominierungsprozess bereitete die Privatisierung dieser Bauten bereits den Boden f\u00fcr die j\u00fcngste Wohnungskrise in der Hauptstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sechs Berliner Welterbe-Siedlungen umfassen 6182 Wohneinheiten. Davon wurden 5751 Wohneinheiten privatisiert. Lediglich die 431 Wohneinheiten der Gartenstadt Falkenberg und der Siedlung Schillerpark sind nach wie vor genossenschaftlich getragen. Dabei lohnt sich ein Blick in die Nominierungsdatei der UNESCO World Heritage Convention: \u201eDie sozialen Wohnsiedlungen, die im Berlin der 1920er gebaut wurden, vereinigen als Erbe alle positiven Errungenschaften der fr\u00fchen Moderne. Sie repr\u00e4sentieren eine Periode, in der Berlin weltweit respektiert war f\u00fcr seine politische, soziale, technische und kulturelle Fortschrittlichkeit. Dieses kreative Umfeld erm\u00f6glichte die Entwicklung der Siedlungen, die sowohl als Kunstwerke als auch als gesundheitliche und sozialpolitische Errungenschaften betrachtet werden k\u00f6nnen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Als Architektur-Perlen sozialen Wohnens erlangten die Siedlungen der Moderne zwar Welterbestatus, die sozialpolitischen Errungenschaften des guten Wohnens f\u00fcr alle \u2013 n\u00e4mlich die soziale Eigentumsform und Bewirtschaftung \u2013 wurden jedoch nicht erhalten. Obwohl der gemeinschaftliche Gedanke pr\u00e4gend war f\u00fcr das Architektur-Erbe der klassisch modernen Wohnsiedlungen, spielte die demokratisierte Bewirtschaftungsform kaum eine Rolle in der Nominierung. Die soziale Infrastruktur und vielf\u00e4ltigen Gemeinschaftsr\u00e4ume der Siedlungen wurden in der Nominierung hingegen betont: \u201eDie Wohnsiedlungen wurden mit Gemeinschaftseinrichtungen entworfen, die eine vorbildliche Bandbreite sozialer und Service-Infrastrukturen anboten, sowie ein breites Spektrum an Gemeinschafts- und Veranstaltungsr\u00e4umen, die Modelle umfassten wie das Experiment genossenschaftsbasierter Gemeinschaften, Tauts \u201aAu\u00dfenwohnraum\u2018 und Scharouns Idee der \u201aNachbarschaft\u2018.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Den Boden entzogen<\/h2>\n\n\n\n<p>Als privatisiertes Denkmal zeigt sich die Infrastruktur der Gemeinschaftsr\u00e4ume heute jedoch weniger sozial. Im Seminar \u201eArchitecture City Space\u201c des Studiengangs World Heritage Studies an der BTU Cottbus untersuchten wir von 2013 bis 2018 verschiedene Welterbe-Siedlungen. Die Studierenden zeichneten beispielhaft zunehmende Verdr\u00e4ngung und Schlie\u00dfung gemeinschaftlicher R\u00e4ume in der Wei\u00dfen Stadt in Reinickendorf nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die soziale Kontinuit\u00e4t der Bewohnerschaft durch generationen\u00fcbergreifende Wohnungsbindungen war in der Nominierung erw\u00e4hnt worden: \u201eBewohner geben die Vertr\u00e4ge oft von einer Generation zur n\u00e4chsten weiter. Ein neues Konzept der r\u00e4umlichen und sozialen Struktur wurde mit diesen Wohnsiedlungen in Berlin implementiert.\u201d Soziale Struktur und Kontinuit\u00e4t h\u00e4ngen jedoch nicht allein von der gesch\u00fctzten baulichen Form ab, sondern auch von der Eigentumsform. Die Boden- und Eigentumsfrage ist laut Studien n\u00e4mlich entscheidend f\u00fcr Mietpreisentwicklungen: Je h\u00f6her der Anteil an gewinnorientiert wirtschaftenden Wohnungsbest\u00e4nden, umso drastischer verlaufen Verdr\u00e4ngungsprozesse.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Wohnungsfrage ist eine Verteilungsfrage<\/h2>\n\n\n\n<p>Das Schicksal der Ikonen des kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsbaus der 1920er Jahre steht sinnbildlich f\u00fcr die neoliberale Transformation der wohlfahrtsstaatlichen Wohnungsversorgung am Ende des 20. Jahrhunderts, die sich in Finanzialisierung zeigt. Mit der umfangreichen Privatisierung kommunalen Wohnungsbestands entzog sich Berlin den Boden, um die angemessene Versorgung mit Wohnraum f\u00fcr breite Bev\u00f6lkerungsschichten sicherzustellen und steuernd auf die bedarfsgerechte Verteilung einzuwirken.<\/p>\n\n\n\n<p>Von einer \u201eR\u00fcckkehr der Wohnungsfrage\u201c spricht die interdisziplin\u00e4re Wohnungsforschung, seit Haushalte mit unterdurchschnittlichen Einkommen und ohne Verm\u00f6gen wieder breit von Wohnungsnot betroffen sind. Dabei steht pro Kopf durchschnittlich immer mehr Wohnfl\u00e4che zu Verf\u00fcgung. Die derzeitige Wohnungsfrage ist also eher eine Verteilungsfrage ausreichend vorhandener Ressourcen zum Wohnen. Die Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner wei\u00df um den Zusammenhang von Privatisierung und aktueller Wohnungskrise. Beim Berliner Volksentscheid 2021 stimmten 59,1 Prozent f\u00fcr die Vergesellschaftung gro\u00dfer Wohnungsunternehmen. Entz\u00fcndet hatte sich das Volksbegehren an prekarisierenden Vermietungspraktiken der Deutsche Wohnen, deren Logo ausgerechnet die ikonische Hufeisensiedlung schm\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Expertenkommission zum Volksentscheid \u201eVergesellschaftung gro\u00dfer Wohnungsunternehmen\u201c sieht geltendes Recht im Einklang mit der Umsetzung des Wahlergebnisses. Wie in der Entstehungszeit der Siedlungen der Moderne bedarf es auch heute struktureller Reformen zur Bew\u00e4ltigung der aktuellen Wohnungskrise. Ein Ankn\u00fcpfen an sozialpolitische Errungenschaften der modernen Wohnreformbewegung w\u00e4re jetzt m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Katrin Rheingans<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Der Beitrag ist in der BAUWELT 17.2025 vom 12. August 2025 erschienen unter <a href=\"https:\/\/www.bauwelt.de\/rubriken\/betrifft\/Beste-Wuensche-zum-100sten-Unesco-Welterbe-der-Wohnreformbewegung-4274353.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BAUWELT &#8211; Beste W\u00fcnsche zum 100sten!<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwar sind die Bauten der Berliner Welterbe-Siedlungen gesch\u00fctzt, doch ihre weitreichende Privatisierung konterkariert das Erbe der modernen Wohnreformbewegung. 100&nbsp;Jahre Berliner Siedlungen der Moderne Die Hufeisensiedlung in Britz, 1925 bis 1930 nach Pl\u00e4nen von Bruno Taut und Martin Wagner erbaut, feiert in diesem wohnungskrisengebeutelten Sommer ihr Jubil\u00e4um. Zusammen mit f\u00fcnf weiteren Siedlungen wurde sie 2008 in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3840,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1,171],"tags":[179,181,174,178,177],"class_list":["post-3839","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-diskussion","tag-berlin","tag-eigentum","tag-regulierung","tag-sozialer-wohnungsbau","tag-wohnreformbewegung"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3839","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3839"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3839\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3840"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3839"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3839"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3839"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}