{"id":4435,"date":"2026-09-11T08:17:26","date_gmt":"2026-09-11T06:17:26","guid":{"rendered":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/?p=4435"},"modified":"2026-09-11T08:23:11","modified_gmt":"2026-09-11T06:23:11","slug":"sind-die-mieten-zu-niedrig-warum-eine-erhoehung-der-bestandsmieten-die-wohnungskrise-nicht-loesen-sondern-verschaerfen-wuerde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewohnter-wandel.de\/en\/journal\/sind-die-mieten-zu-niedrig-warum-eine-erhoehung-der-bestandsmieten-die-wohnungskrise-nicht-loesen-sondern-verschaerfen-wuerde\/","title":{"rendered":"Sind die Mieten zu niedrig? Warum eine Erh\u00f6hung der Bestandsmieten die Wohnungskrise nicht l\u00f6sen, sondern versch\u00e4rfen w\u00fcrde"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wissenschaftliche Stellungnahme aus der Stadt- und Wohnungsforschung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Stellungnahme ist als Working Paper in der Schriftenreihe des GRK erschienen und abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.25643\/dbt.71607\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">10.25643\/dbt.71607<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kurzfassung<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit Jahren geht die Schere zwischen Bestands- und Angebotsmieten auseinander. Diese Spreizung nimmt nun ein Gutachten des Deutschen Juristentags (Artz\/Lehmann-Richter 2026) zum Anlass, die Aufhebung der mietrechtlichen Beschr\u00e4nkungen f\u00fcr die Anhebung der Bestandsmieten zu fordern. Es greift damit die lang bestehende Forderung der Immobilien\u00adwirtschaft auf, den Bestandsschutz der Mieth\u00f6he f\u00fcr Mieter:innen, abzubauen \u2013 eine der wesentlichen Errungenschaften des bundesdeutschen \u201asozialen Mietrechts\u2018 seit 1971.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus Sicht der Stadt- und Wohnungsforschung fu\u00dft diese Forderung nicht nur auf Fehlannahmen hinsichtlich der Ursachen der Differenz zwischen Angebots- und Bestandsmieten. Ihre Umsetzung w\u00fcrde auch mitnichten zu einer Entspannung der Wohnungsversorgung f\u00fchren, sondern zu einer Steigerung der Mieten insgesamt, einer Versch\u00e4rfung der sozialen Polarisie\u00adrung am Wohnungsmarkt, einer Erh\u00f6hung wohnungsbezogener Armut, h\u00f6heren \u00f6ffentlichen Ausgaben und mehr sozialer Segregation im Stadtraum. Die im Gutachten vorgeschlagene Anhebung der Bestandsmieten w\u00fcrde also die Wohnungskrise nicht l\u00f6sen, sondern ihre sozialen und sozialpolitischen Konsequenzen weiter versch\u00e4rfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Wissenschaftler:innen aus Soziologie, Geographie, Stadtplanung, Architektur, Politikwissenschaften und \u00d6konomie, appellieren wir an die Mitglieder des Deutschen Juristentags, die Rechtswissenschaften und Rechtspolitiker:innen sowie die Fach\u00f6ffentlichkeit, die umfangreichen Erkenntnisse der inter\u00addisziplin\u00e4ren Stadt- und Wohnungsforschung zur Bedeutung stabiler Mieten f\u00fcr die r\u00e4umliche und soziale Integration unserer St\u00e4dte und Gemeinden und den sozialen Frieden in der Gesell\u00adschaft zur Kenntnis zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Spreizung zwischen Bestands- und Angebotsmieten ist zur\u00fcckzuf\u00fchren auf einen seit Jahren steigenden Verwertungsdruck auf deutsche Immobilienm\u00e4rkte sowie die mangelnde Durchsetzung geltender rechtlicher Begrenzungen von Mieterh\u00f6hungen bei Angebotsmieten (z.B. Mietpreisbremse). Dieser Zustand f\u00fchrt zu einer zunehmenden Verdr\u00e4ngung, insbesondere einkommensschw\u00e4cherer Haushalte, und besonders hohen Wohnkosten\u00adbelastungen bei Haushalten mit j\u00fcngeren Mietvertr\u00e4gen. Zudem hat die Spreizung einen Lock-In-Effekt zur Folge, durch den Haushalte nicht mehr umziehen k\u00f6nnen, um ihren Wohnraum ihrer Lebenssituation anzupassen. Viele verbleiben deshalb in Wohnungen, die zu gro\u00df oder zu klein sind \u2013 die Wohnungen sind damit zunehmend unterbelegt oder \u00fcberbelegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Anhebung der Bestandsmieten wird die Probleme von Exklusion, hoher Wohnkosten\u00adbelastung nach Umzug und Lock-In-Effekten nicht l\u00f6sen. Stattdessen w\u00fcrde die Exklusion und sozialr\u00e4umliche Verdr\u00e4ngung durch einen Anstieg der Bestandsmieten weiter versch\u00e4rft werden. Mehr Menschen k\u00f6nnten sich ihre Mieten nicht mehr leisten, w\u00fcrden verdr\u00e4ngt und in Armut fallen. Sozialpolitisch h\u00e4tte die Anhebung der Bestandsmieten einen weiteren Ausgabenanstieg f\u00fcr Wohngeld und Kosten der Unterkunft zur Folge, die bereits 2025 \u00fcber 27 Milliarden \u20ac betrugen. Der Lock-In-Effekt bliebe bestehen, weil es vor allem gutverdienende Haushalte sind, die in zu gro\u00dfen Wohnungen wohnen und von einem Mietanstieg nicht zum Umzug motiviert w\u00fcrden. Stattdessen gerieten vor allem Haushalte mit geringem Einkommen weiter unter Druck, die bereits jetzt \u00fcberbelegt wohnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um die Wohnungsversorgung sozialvertr\u00e4glich zu gestalten, bedarf es nicht einer Erh\u00f6hung der Bestandsmieten, die alle Mieterinnen und Mieter treffen w\u00fcrde. Stattdessen muss die Dynamik der stetig steigenden Angebotsmieten wirkungsvoll gestoppt werden. Dies w\u00fcrde sowohl sozial\u00adr\u00e4umlicher Verdr\u00e4ngung als auch dem Lock-In-Effekt entgegenwirken. Durch ein Ab\u00adsenken der Angebotsmieten w\u00fcrde die Bezahlbarkeit und Zug\u00e4nglichkeit von Wohnraum f\u00fcr breite Schichten der Bev\u00f6lkerung wieder steigen. Gleichzeitig k\u00f6nnten wieder mehr Menschen ihren Wohnraum an ihre Lebenssituationen anpassen, ohne f\u00fcr einen neuen Mietvertrag unangemessene Mehrkosten pro Quadratmeter in Kauf nehmen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Erstunterzeichnende<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Prof. Dr. Bernd Belina, Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt\/Main<br>PD Dr. Matthias Bernt, Leibniz-Institut f\u00fcr Raumbezogene Sozialforschung (IRS)<br>Prof. Dr. Christine Hannemann<br>Prof. Dr. Susanne Heeg, Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt\/Main<br>Dr. Andrej Holm, Humboldt Universit\u00e4t zu Berlin<br>Florian Janik, Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt\/Main<br>Prof. Dr. Stephan Lessenich, Institut f\u00fcr Sozialforschung (IfS), Frankfurt\/Main<br>Marina Mironica, Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt\/Main<br>Prof. Dr. Sebastian Schipper, Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt\/Main<br>Prof. Dr. Barbara Sch\u00f6nig, Bauhaus-Universit\u00e4t Weimar<br>Dr. Lisa Vollmer, Leibniz-Institut f\u00fcr Raumbezogene Sozialforschung (IRS)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/docs.google.com\/forms\/d\/e\/1FAIpQLSfAH6-IEO8fUD-fM72LivaI4TIOkj0e23UFfeBRaRYwHGlDPw\/viewform?usp=sharing&amp;ouid=112182563439752951166\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/docs.google.com\/forms\/d\/e\/1FAIpQLSfAH6-IEO8fUD-fM72LivaI4TIOkj0e23UFfeBRaRYwHGlDPw\/viewform?usp=sharing&amp;ouid=112182563439752951166\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link zur Unterschriftenliste<\/a>. Weitere Unterzeichnungen zur Unterst\u00fctzung der Stellungnahme sind m\u00f6glich und willkommen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wissenschaftliche Stellungnahme aus der Stadt- und Wohnungsforschung Die Stellungnahme ist als Working Paper in der Schriftenreihe des GRK erschienen und abrufbar unter: 10.25643\/dbt.71607 Kurzfassung Seit Jahren geht die Schere zwischen Bestands- und Angebotsmieten auseinander. 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