
„Alle Tage Wohnungsfrage. Vom Privatisieren, Sanieren und Protestieren“ – der Titel der neuen Ausstellung des Stadtlabors des Historischen Museum Frankfurt greift mehrere Themen auf, die auch unser Graduiertenkolleg beschäftigen. Anlässlich der Ausstellungseröffnung nahm unser Graduiertenkolleg an einer Führung durch die Ausstellung teil, welche uns den Entstehungsprozess der Ausstellung und deren Inhalte näherbrachte.
Das Stadtlabor des Historischen Museums ist ein partizipatives Museumsformat, bei dem gemeinsam mit Frankfurter:innen Ausstellungen und Veranstaltungen zu wechselnden Themen rund um Frankfurt entstehen. Passend zum 100-jährigen Jubiläum des wohlfahrtsorientierten Stadtplanungsprogramms Neues Frankfurt im Jahr 2025 befasst sich die neue Ausstellung im Stadtlabor noch bis zum 1. Februar 2026 mit der Wohnungsfrage aus historischer, gegenwärtiger und zukunftsorientierter Perspektive. Dabei kommen vor allem Bewohner*innen, aber auch kommunale Politiker:innen, Wissenschaftler:innen, Aktivist:innen und viele mehr zu Wort. Gemeinsam werfen sie einen Blick auf soziale Fragen rund ums Wohnen, die damit verbundene Arbeit und die Kämpfe, die damit einhergehen.
Die Ausstellung stützt sich auf die im Prozess kollaborativer Stadtforschung mit den Stadtlaborant:innen entstandenen Inhalte und auf die Ergebnisse des u.a. von GRK Co-Sprecher Sebastian Schipper und GRK-Kollegiumsmitglied Bernd Belina geleiteten DFG-Projekts „Home and Housing in Urban Regeneration Processes: Studying the Macro through Historiographies of the Micro in Tel Aviv-Jaffa and Frankfurt am Main“. Im Rahmen dessen ist auch die Dissertation von Tabea Latocha entstanden. Sie ist assoziiertes Mitglied unseres Graduiertenkollegs und Co-Kuratorin der Ausstellung, in der ihre Arbeit einen besonderen Schwerpunkt bildet. Anhand dreier Frankfurter Siedlungen – der Knorrstraße im Gallus (1890er Jahre), der Carl-von-Weinberg-Siedlung im Westend (1930er Jahre, Neues Frankfurt) und der Henri-Dunant-Siedlung in Sossenheim (1960er Jahre, Nachkriegsmoderne) – wird ein Bogen geschlagen, indem die Entwicklung der Wohnsiedlungen nachgezeichnet wird. Von der Erbauung, die jeweils mit einem neuen Verständnis von Wohnen und Leben einherging – sichtbar etwa in Architektur, Eigentums- und Wohnformen – bis zur Gegenwart, in der viele der Siedlungen von Privatisierung, vernachlässigter Instandhaltung und Modernisierungsmaßnahmen und damit einhergehenden Verdrängungsdruck auf die Bewohner:innen geprägt sind, die teils zu Mieter:innenkämpfen führen.



Die Führung durch die Ausstellung wurde von Tabea Latocha und Prof. Dr. Tovi Fenster (Universität Tel Aviv), einer Kooperationspartnerin des DFG-Forschungsprojektes, begleitet. Die Wohnungskrise ist kein regionales Problem, sondern betrifft Metropolregionen weltweit – darunter auch die Frankfurter Partnerstadt Tel Aviv-Jaffa –, die von Privatisierungsprozessen in der Stadtentwicklung geprägt sind. Ein Teil der Ausstellung widmet sich daher auch der Wohnungskrise in Tel Aviv-Jaffa. Unter anderem wird gezeigt, wie die aussichtslose Lage vieler Bewohner:innen im Jahr 2011 zu einer der größten politischen Mobilisierungen in Israel führte.
Die Ausstellung bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte zu den verschiedenen Promotionsprojekten im Graduiertenkolleg. Neben Fragen zur neoliberalen Wohnungspolitik und den ökonomischen Verwertungslogiken des Immobilienmarkts rückt insbesondere das Thema der energetischen Sanierung in den Vordergrund – samt der sozialen Spannungen und Konflikte, die damit unter der bestehenden politischen Regulation einhergehen. Zugleich kommen die Perspektiven der Bewohner:innen zur Sprache: ihre alltäglichen Erfahrungen, ihre Sicht auf die teils tiefgreifenden Veränderungen im Wohnumfeld sowie der wachsende Verdrängungsdruck werden nachvollziehbar. Die Ausstellung verknüpft so strukturelle Analysen mit konkreten Lebensrealitäten.
Um nicht zu viel vorwegzunehmen: Ein Besuch lohnt sich! Weitere Informationen zur Ausstellung und zum Begleitprogramm finden Sie hier. Die Ausstellung läuft noch bis zum 1. Februar 2026.