Die erste Tagung des DFG-Graduiertenkollegs „Gewohnter Wandel“ fand unter dem Titel „Weiter wohnen wie gewohnt?“ am 7./8. Mai 2026 in Weimar statt und wurde gemeinsam dem Institut für Europäische Urbanistik veranstaltet. Die Tagung thematisierte die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit der Zukunft des Wohnens im profilgebenden Spannungsverhältnis sozialer Transformation wie räumliche Materialisierung.

Die Tagung basierte auf drei zentralen Thesen, die das Graduiertenkolleg prägen und die auch den roten Faden der Veranstaltung bildeten:
- Die Wohnungsfrage als Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Krisen. Wohnen wird dabei nicht nur als ein privater Rückzugsort, sondern als Ort verstanden, an dem sich die großen Umbrüche unserer Zeit konkretisieren – sei es durch Klimawandel, soziale Ungleichheit, ökonomische Verwerfungen oder digitale Transformationen.
- Das spannungsgeladene Wechselverhältnis zwischen Wandel und Materialität. Wohnen ist geprägt von einem ständigen Wechselspiel zwischen gesellschaftlichem Wandel und seiner räumlichen Materialisierung. Gesellschaftliche Veränderungen manifestieren sich in Architektur, Quartieren und Infrastrukturen und diese gebauten Formen wirken wiederum auf die Gesellschaft zurück.
- Die Notwendigkeit interdisziplinärer Forschung. Angesichts dieser Komplexität braucht es interdisziplinäre Ansätze, um die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Prozessen und räumlichen Strukturen zu verstehen und gestalten zu können.
Die Tagung hat gezeigt, dass die Wohnungsfrage nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern als Schnittmenge multipler Krisen und Transformationsprozesse verstanden werden muss.
Die Resonanz gemessen an eingereichten Beiträgen für Vorträgen wie auch am Interesse zur Teilnahme war außerordentlich hoch. An der Veranstaltung nahmen 230 Personen teil, darunter Wissenschaftler:innen, Praktiker:innen und Studierende. Die Keynote von Ute Lehrer zum Thema “High-rise living: From whom? And why?” am Donnerstagabend war Teil der öffentlichen Abendveranstaltung. Das Programm setzte sich aus 56 Vorträge in 15 Panels, 6 Workshops/Offene Foren, 3 Keynotes, sowie einer Podiumsdiskussion und einführenden wie abschließenden Beiträgen zusammen und verband Perspektiven von Hochschulabsolvent:innen, Nachwuchsforschenden sowie etablierten Wissenschaftler:innen mit denen von Praxisakteuren.
In zwei englischen Keynotes von den Mercator Fellows des GRK Manuel Aalbers/KU Leuven, Belgien und Ute Lehrer/York University Toronto, Kanada gehalten wurden internationale Perspektiven gestärkt.

Ergänzt wurde das Programm durch die erneute Ausstellung „Wohnen ist ein Menschenrecht“, die 2023 von Beteiligten des IfEU im Rahmen des Themenjahres der Klassik-Stiftung Weimar initiiert worden war.
Auf Basis der fünf zentralen Forschungstrends des GRK (Diversifizierung, Digitalisierung, Privatisierung & Finanzialisierung, Polarisierung & Prekarisierung sowie Ökologisierung) und dem breiten Spektrum an eingereichten Vorträgen (auf einen öffentlichen Call hin) wurden die Beiträge in 6 Themenclustern (Steuerung & Konflikt, Wohnen & Care, Ökonomie & Regulierung oder Wohnräume, Zugang & Bezahlbarkeit) gebündelt, denen die 15 Vortragspanels zugeordnet waren. So standen übergreifende Fragestellungen im Mittelpunkt der Tagung, mit dem Anspruch die interdisziplinäre Wohnungsforschung voranzubringen.
Dabei wurde deutlich, dass ein solcher Austausch mit Herausforderungen verbunden ist, bspw. sprachlichen und methodischen Unterschieden, der Identifikation thematischer Schnittmengen und der Organisation der epistemischen Vielfalt für ein kohärentes Forschungsfeld. Diese Herausforderungen wurden auf der Tagung produktiv und erkenntnisreich bewältigt. Der interdisziplinäre Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis – etwa im Offenen Forum – zeigte, wie unterschiedlich Perspektiven auf ähnliche Fragen gerichtet sind.
Die Tagung „Weiter wohnen wie gewohnt?“ hat nicht nur die drei Leitgedanken des Graduiertenkollegs aufgegriffen, sondern sie auch konkret und lebendig umgesetzt. Sie hat gezeigt, dass die Wohnungsfrage als Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Krisen verstanden werden muss – und dass ihre Bewältigung interdisziplinäre Forschung und Praxis erfordert.
Durch die thematische Vielfalt, den produktiven Austausch und die klare Fokussierung auf übergreifende Fragestellungen ist es gelungen, die interdisziplinäre Wohnungsforschung ein Stück weit zu etablieren. Die Ergebnisse der Tagung bieten wertvolle Impulse für die weitere Forschung und Praxis – und unterstreichen die Notwendigkeit, den Dialog zwischen den Disziplinen fortzuführen. Gegenwärtig sind sind diverse Publikationsformate in Vorbereitung.
Fotos: Katja Lipgart








