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Exkursion in die Großwohnsiedlung Halle-Neustadt mit dem Graduiertenkolleg

Journal/Allgemein

Am 5. Mai 2026 fand unter der Leitung von Lena Hecker, Mitarbeiterin an der Professur Stadtplanung der Bauhaus-Universität Weimar und assoziiertes Mitglied im Graduiertenkolleg Gewohnter Wandel, eine Exkursion in die Großwohnsiedlung Halle-Neustadt im Süden Sachsen-Anhalts statt. Sie erforscht im Rahmen ihrer Promotion die Entscheidungsprozesse und Folgen der großflächigen, denkmalpflegerischen Unterschutzstellung von Halle-Neustadt für Stadtentwicklung, Wohnungsversorgung und die Denkmalpraxis. Die Arbeit betrachtet Halle-Neustadt stellvertretend für eine sich transformierende ostdeutsche Großwohnsiedlung, bei der in dem Ausmaß wie in Halle-Neustadt bisher keine Unterschutzstellungen stattfanden. (https://gewohnter-wandel.de/person/lena-hecker/)

Bei einem geführten Rundgang durch das Stadtzentrum, das Bildungszentrum und den I. Wohnkomplex verständigten sich Mitglieder und Freunde des Graduiertenkollegs gemeinsam über vergangene und aktuelle Entwicklungsperspektiven des Stadtteils. Prof. Ute Lehrer, Professorin an der Faculty of Environmental and Urban Change der York University in Toronto, nahm als Mercator Fellow des Graduiertenkollegs ebenfalls an der Exkursion teil und bereicherte die Gespräche mit ihren Beobachtungen aus internationaler Perspektive.

Als Wohnstandort für die Beschäftigten der nahegelegenen Chemiekombinate geplant, war Halle-Neustadt einst die größte Stadtneugründung der DDR und erreichte Ende der 1980er Jahre mit über 90.000 Einwohner:innen ihren Bevölkerungshöchststand. Seit der Wende erlebt der heute größte Stadtteil der Stadt Halle (Saale) einen anhaltenden gesamtstädtischen Bedeutungsverlust, wie er in vielen ostdeutschen Großwohnsiedlungen zu beobachten ist: Bevölkerungsrückgang, demografischer Wandel, Rückbau von Wohnraum und Infrastruktur, Migrationsbewegungen sowie die Teilprivatisierung und damit einhergehende Finanzialisierung der Wohnungsbestände prägen die anhaltende Transformation des Stadtteils. Kontrastiert werden diese Prozesse seit dem 60-jährigen Gründungsjubiläum im Jahr 2024 durch großflächige denkmalpflegerische Unterschutzstellungen sowohl einzelner Baudenkmäler als auch ganzer Denkmalbereiche – in diesem Umfang ist dies bislang in keiner anderen vergleichbaren ostdeutschen Großwohnsiedlung erfolgt. Auch diese scheinbar dichotome Gegenüberstellung in- und außerwertsetzender Prozesse war Gegenstand des Rundgangs, der im Stadtzentrum entlang der fünf Hochhausscheiben A bis E begann. In ihrer Nutzung und Monumentalität wirken die Hochhausscheiben nach der Wende aus der Zeit gefallen; vielen fehlt heute eine realistische Entwicklungsperspektive, weshalb sie in einem „Standby-Modus“ (Alpermann 2026) verbleiben – nicht ganz Ruine und doch keiner wirtschaftlichen Nutzung zuzuführen, wozu Hendrijke Alpermann im vergangenen Semester in Weimar ihre Forschungsergebnisse vorstellte (https://gewohnter-wandel.de/veranstaltung/debating-heritage-erbe-auf-standby-die-hochhausscheiben-in-halle-neustadt-hendrikje-alpermann/). Die denkmalpflegerische Unterschutzstellung des Stadtzentrums als Denkmalbereich sowie zweier Hochhausscheiben als Baudenkmäler verschiebt die Aushandlungsprozesse um mögliche Zukünfte der stadtbildprägenden Baukörper erneut. Vorbildhaft konnte die Hochhausscheibe A saniert werden und wird seit etwa fünf Jahren als Sitz der Stadtverwaltung der Stadt Halle (Saale) genutzt. Das Dach der Hochhausscheibe diente unserer Gruppe als hervorragender Aussichtspunkt über den Stadtteil und bot zugleich den Rahmen für Ausführungen des Stadtplaners Markus Müller zu aktuellen planerischen Entwicklungsvorhaben.

Eindrücklich ließ sich von oben die Dimension der Großwohnsiedlung erfassen. Gleichzeitig wird gerade diese Größe zur Herausforderung in der denkmalpflegerischen Praxis: Ein unter Schutz gestellter Wohnblock umfasst nicht nur zehn, sondern bis zu 100 Wohneinheiten, ohne dass diese angesichts der prognostizierten Bevölkerungsentwicklung über eine langfristige Nutzungsperspektive verfügen. Auch die Eigentümerstruktur vieler der unter Schutz gestellten Wohngebäude ist intransparent; nur wenige Gebäude befinden sich im Besitz kommunaler oder genossenschaftlicher Wohnungsunternehmen vor Ort. Diesbezüglich lässt sich eine Korrelation beobachten, die unmittelbar mit den Folgen der Privatisierung und Finanzialisierung der Wohnungsbestände und damit gewissermaßen einer „ererbten Transformation“ in Verbindung gebracht werden kann: Insbesondere jene Blöcke sind heute Baudenkmal geworden, die in Substanz und Erscheinungsbild weitgehend unverändert geblieben sind, lediglich Teilsanierungen erfahren haben, bei denen kein Wärmedämmverbundsystem an den Fassaden angebracht wurde, und die dadurch von einer weitgehenden Materialsichtigkeit der Plattenstruktur geprägt sind. Gerade jene Baukörper sind Denkmal geworden, die über viele Jahre hinweg lediglich minimalinstandgesetzt wurden – nicht in allen, aber durchaus in manchen Fällen Ausdruck bewusster Desinvestitionen in den Gebäudebestand. Hinzu kommen die besonderen Herausforderungen, die Substanz und Erscheinungsbild der industrialisierten Wohnbauten der DDR für den denkmalpflegerischen Umgang mit sich bringen: Nicht nur werden sie bis heute häufig stigmatisierend betrachtet und erfreuen sich als vergleichsweise „junge“ Baudenkmäler keiner großen Beliebtheit; auch die Umsetzung einer denkmalkonformen und zugleich energetischen Sanierung erfordert innovative, biophysikalische Lösungsansätze.

Auf dem Weg zur Geschichtswerkstatt, dem letzten Programmpunkt des Tages, passieren wir eines der kunsthistorischen Highlights Halle-Neustadts: die Mosaike des Künstlers Josep Renau. Sie stellen die eindrücklichste Form der ehemals staatlich geförderten Kunst am Bau dar. Bis zu 150 Kunstwerke in Form von Mosaiken, Plastiken, Betonformwänden oder Brunnen finden sich in Halle-Neustadt; ihre Gestaltung unterlag oftmals ideologischen Vorgaben. Auch die Wandmosaike Renaus entziehen sich ihrer Symbolhaftigkeit nicht: Entlang zweier Treppenhaustürme erzählen die beiden 35 Meter hohen Mosaike von den Errungenschaften des Sozialismus, von der Einheit der Arbeiterklasse sowie vom Fortschritt in Landwirtschaft, Kultur und Weltraumforschung. Bereits einige Jahre vor der denkmalpflegerischen Unterschutzstellung der Gebäudestrukturen Halle-Neustadts wurden viele dieser Kunstwerke als Kleindenkmäler unter Schutz gestellt. Mithilfe von Fördermitteln der Wüstenrot Stiftung konnten die Wandmosaike unlängst restauriert werden und erstrahlen heute in neuem Glanz.

In der Geschichtswerkstatt stehen wir schließlich vor dem eindrucksvollen Stadtmodell von Halle-Neustadt. Im Maßstab 1:1.000 dokumentiert es anschaulich die Ausmaße der Wohnstadt im Planungsstand von 1989/90 und zeigt durch nachträgliche Markierungen zugleich den erfolgten Rückbau von Wohnraum und Infrastruktur im Rahmen des Städtebauförderprogramms Stadtumbau Ost. Der Leiter der Geschichtswerkstatt, Jörg Bittenbinder, rundete unseren Besuch mit wissenswerten Informationen und persönlichen Anekdoten über das Aufwachsen in und um Halle-Neustadt ab.

Schließlich verlassen wir Halle-Neustadt mit vielen Anregungen – und vielleicht auch mit mehr Fragen als zuvor. Wie viele andere ostdeutsche Großwohnsiedlungen sollte auch Halle-Neustadt im Fokus der interdisziplinären Wohnungs- und Stadtforschung bleiben, um die anhaltenden Transformationsprozesse wissenschaftlich begleiten zu können. Das Graduiertenkolleg Gewohnter Wandel bietet hierfür eine wertvolle Plattform des Austauschs.

Lena Hecker
Fotoaufnahmen: Kathrin Meißner

Weiterführende Literatur:
Alpermann, Hendrikje (2026): Buildings on Standby. Stitching the Post-Socialist Cityscape. Hamburg: adocs Verlag.

Altrock, Uwe/Grunze, Nico/Kabisch, Sigrun (Hrsg.) (2020): Großwohnsiedlungen im Haltbarkeitscheck. Differenzierte Perspektiven ostdeutscher Großwohnsiedlungen. Wiesbaden: Springer VS.  

Bernt, Matthias/Volkmann, Anne (2023): Segregation in Ostdeutschland. Transformationsprozesse, Wohnungsmärkte und Wohnbiografien in Halle (Saale). Bielefeld: transcript Verlag.

Escherich, Mark (2017): Großräumige Spätmoderne. Ermittlungen zur Erhaltenswürdigkeit und -möglichkeit. Ein universitäres Lehrprojekt zu Halle-Neustadt. In: Mager, Tino/Trötschel-Daniels, Bianka (Hrsg.): BetonSalon. Neue Positionen zur Architektur der späten Moderne. Berlin: Neofelis Verlag.

Hasche, Kata/Kiepke, Torben/Scheffler, Tanja (2016): Big-Heritage: Halle-Neustadt? Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag.

Pasternack, Peer et.al (2014): 50 Jahre Streitfall Halle-Neustadt: Idee und Experiment. Lebensort und Provokation. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag.